Ich war fremd

„Ich war fremd“ ist das Thema einer Blogparade, zu der Friederike vom Landlebenblog aus aktuellem Anlass aufgerufen hat. Zitat aus Ihrem Beitrag:

„Wenn ich in diesen Wochen wie erstarrt vor dem Computer sitze und das Gerät mir im Minutentakt die FlüchtlingsNeuigkeiten dieser Welt auf den Bildschirm vor die Augen spuckt und irgendeine Reaktion von mir erwartet, dann denke ich viel nach über das Fremdsein und das Sich-fremd-fühlen. Darüber, was es braucht, von außen und von innen, daß ein Fremder sich nicht fremd fühlt. Darüber, ob jemand, der sich niemals fremd gefühlt hat, nachempfinden kann, was Fremdsein heißt.“

Den ganzen Beitrag und den Aufruf zur dieser Blogparade findet Ihr hier: Blogparade: Ich war fremd

Fremd habe ich mich weniger gefühlt, aber oft allein. Wobei man ja auch in seiner gewohnten Umgebung allein sein kann. Mein Gefühl des Alleinseins hatte jedoch auch immer etwas mit „fremd sein“ zu tun. Ich glaube, wer sich fremd fühlt, fühlt sich auch allein.

Während meines Studiums in Hamburg war ich für einige Wochen auf der Meteor (Praktikum auf einer Forschungsschiffreise) vor Westafrika. Das war damals mein erster Flug überhaupt (nach Dakar), allein, und mein erstes Weihnachten ohne die Familie. Der Heiligabend an Bord ist mir immer noch sehr deutlich in Erinnerung:

Die Mannschaft, frisch geduscht und in Schapptüch, saß mit fast kindlicher Ehrfurcht am Weihnachtstisch. Am Nachmittag hatte jeder über Norddeich Radio mit der Familie telefoniert, Sehnsucht und ein bisschen Traurigkeit lag den ganzen Abend im Raum. Wir waren gemeinsam allein.

Auch noch zur Studienzeit hatte ich das Segeln für mich entdeckt. Charterfahrten von einem Amsterdamer Yachtclub aus. Das waren Urlaube mit fremden Menschen auf 20 Meter Boot. Wenn auch die gemeinsame Liebe zum Segeln schon mal ein Band knüpfen konnte, so gab es Törns, auf denen man gleich zu einer großen Familie wurde und andere, auf denen man sich doch fremd blieb.

Woran das lag, habe ich nie wirklich herausgefunden.

Einer dieser Segeltörns führte mich auch nach Ägypten, eine Überführungsfahrt von Hurghada nach Kreta, gemeinsame Anreise von Amsterdam aus. Pilotenstreiks in Griechenland trennten mich von der Truppe und ich strandete Tage zu spät allein in Kairo. Damals noch ohne Handy oder Kreditkarte, mit wenig Bargeld und vor allem ohne Rückflugticket.

So fremd und allein habe ich mich nie wieder gefühlt! Mit einem Brief auf Arabisch (von einem freundlichen Ägypter, der Deutsch verstand) habe ich mich dann durchs Land geschlagen, bis ich in Suez mein Schiff erreichte.

Dieses Glücksgefühl, an Bord zu gehen, werde ich nicht vergessen und auch den hilfsbereiten Ägypter und seinen Brief nicht.

Nach dem Studium führte mich mein erster Job auch gleich wieder ins Fremde. 2 Jahre Entwicklungshilfe auf Sri Lanka (GTZ Projekt). Klar, andere machen dort Ihren Traumurlaub, aber es ist doch etwas anderes, mit 2 Zarges-Boxen auszureisen, um dort zu leben.

Schon der Hinflug ließ mich wieder (ver-)zweifeln. Wir mussten nachts einen Zwischenstopp in Karatschi einlegen, da wir in Colombo auf Grund einer Ausgangssperre (1989 – zur Zeit der Unruhen) keine Landeerlaubnis bekamen.

Auf dem Flughafen in Karatschi wurden wir von schwerbewaffneten Sicherheitskräften in Empfang genommen, unsere Pässe eingesammelt und wir in einen Bus gesteckt. Erklärungen gab es nicht. Fremd und allein – und da konnte auch nichts und niemand helfen.

Viel später habe ich sogar erfahren, dass ein Ehepaar der deutschen Botschaft auf dem gleichen Flug war und sich, auch als Botschaftsangehörige, nicht gegen diese Willkür wehren konnte.

Sri Lanka, Ghana, Guinea, Indonesien, das waren meine beruflichen Auslandstationen und es begann jedes Mal als Fremder. Das war nicht immer einfach, aber ich habe auch unendlich viel gelernt in dieser Zeit.

Ich habe gelernt, in mir selbst zu sein, mich auf wenig reduzieren zu können, aber auch offen und tolerant, neugierig und auch ein bisschen demütig und vor allem dankbar zu sein. Dankbar für ein nettes Wort, für eine Einladung oder einen Ausflug. Oft sind es die ganz kleinen Gesten einzelner Menschen, die einem das Fremdsein erleichtern können.

Die sogenannte „Willkommenskultur“ in unserem Land, im Ausland sehr positiv wahrgenommen, von unseren Medien mit ihrem oft so vorschnellen  „…,aber…“ gleich wieder in Frage gestellt, ist auch so eine Geste.

Dass es auch ganz anders laufen kann, haben wir in den Bildern aus Ungarn gesehen. Wie grausam muss es sein, so kurz vor dem Ziel, nach all den schrecklichen Strapazen, Ängsten und Gefahren, so betrogen zu werden (die Busse ins Lager…).

Abends denke ich jetzt oft, wie glücklich ich mich schätzen kann, in meinem eigenen Bett schlafen zu können. Allen Flüchtlingen wünsche ich von Herzen, dieses Glück auch bald wieder erleben zu dürfen!

 

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