Free Eddie

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Ich hatte ihn letzten Freitag, dann am Montag und am Dienstag immer an der gleichen Stelle, auf dem Weg an unserer Badestelle im Koog, beobachten können.

Das erste Mal, als er mir auffiel, hätte ich ihn fast über den Haufen gelaufen. Plötzlich huschte etwas Braunes neben mir weg. Nicht weit, ein paar Hüpfer nur. Ein kleiner Strandläufer. „Seltsam, dass der nicht wegfliegt“, dachte ich noch.

Am Montag ein ähnliches Bild. Wieder hatte ich ihn nicht gesehen und war sehr dicht an ihm vorbeigelaufen. Wieder huschte er vor mir zur Seite. „Der muss was haben, das ist nicht normal“, überlegte ich im Weiterlaufen.

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Strandweg

Am Dienstag suchte ich ihn und fand ihn mit seinem langen spitzen Schnabel stochernd am Rand einer Pfütze. Er suchte Nahrung. Als ich ihm zu nah kam, humpelte er langsam vor mir her.

„Was hat er mit seinem Bein? Kann er nicht mehr fliegen? Wird er verhungern, sterben müssen?“

Ich laufe fast täglich bei uns am Strand und die Aussicht, diesen kleinen Kerl weiter leiden sehen zu müssen, trieb mich um. Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Aber was kann man tun?

Am Mittwochmorgen kam ich erstmal auf die Idee, unseren Wattführer anzurufen und um Rat zu fragen. Er gab mir die Telefonnummer vom Ornithologischen Institut in Büsum (ein Zweig der Uni Kiel). „Die freuen sich immer über solche Funde“. „Aber der bleibt doch am Leben“, warf ich sofort ein. „Ja sicher!“, beruhigte er mich.

Forschung und Vogelrettung, geht das zusammen? Ich hatte so meine Zweifel. Naja, man kann da ja immer noch anrufen. Ich schaute beim NABU nach Möglichkeiten. Der NABU führt eine Übersicht über Pflege-und Auffangstationen.

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Strandläufer in Dänemark

Schnell fündig rief ich beim Westküstenpark in St. Peter an. Dort gibt es eine Seevogelpflegestation. Aber weiter als in die Zentrale hat mich mein Anruf nicht geführt. „Nein, so etwas machen wir nicht, wir sind ein Tierpark! (Ach was…) Wir kümmern uns nur um unsere Tiere“. (so, so).

Aber man gab mir eine Telefonnummer von einer Organisation aus dem Hamburger Umland. „Mit denen arbeiten wir zusammen, die kommen auch raus“. (Warum man trotzdem auf der NABU-Liste steht, erschließt sich mir nicht.)

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Ein Meerstrandläufer? – Es gibt über 20 Arten

Anreise aus Hamburg für einen kleinen Piepmatz, den ich in der Zwischenzeit Eddie getauft hatte. Es war mir zwar wichtig zu helfen, aber das erschien mir tatsächlich übertrieben.

Also, doch in Büsum anrufen. „Alle Ornithologen sind zurzeit unterwegs“. Aber die nette Dame am Empfang versprach mir, einen ihrer Vogelkundler zu erreichen und mich dann zurückzurufen. Tatsächlich kam der Rückruf und man gab mir die Telefonnummer des Nationalpark-Rangers. „Der ist zuständig und weiß, an wen man sich wenden kann.“

Nun fing die Sache an, Kreise zu ziehen und vielleicht sogar Kreise zu schließen…? Erreicht hatte ich nur eine Vodafone Mailbox und erstmal nicht draufgesprochen.

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Strandläufer in St. Peter

Auf der NABU Liste fand ich einen weiteren Eintrag. Die Wildtierhilfe Fiel in Nordhastedt. Das ist nicht weit und auf deren Web-Seite laß ich, dass sie auch Seevögel pflegen und dann wieder auswildern. Keine Forschung, kein Tierparkkäfig. Sehr viel besser!

Herr Fußbahn war gleich persönlich am Telefon und ausgesprochen nett. Gern nimmt er den keinen Strandläufer, ich kann ihn jederzeit vorbeibringen. „Ähmm – vorbeibringen?? Könnten sie mich beim Einfangen unterstützen?“ „Also, liebe Frau B., wenn ich bei jedem verletzten Tier rausfahren würde, dann wäre ich die nächsten 6 Jahre unterwegs. Dann…“.

„OK, Ok“ habe ich ihn sofort unterbrochen. „Schon klar!!“ Mit „Suchen Sie sich einen Kescher und einen zweiten Mann“ und „man wächst mit seinen Aufgaben“ versuchte er mir Mut zu machen.

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„Gut, dann laufe ich die nächsten Tage eben woanders“, schoss es mir ganz kurz durch den Kopf. „Was ein Aufriss!? – Man kann sich aber auch echt in was reinsteigern! – Das ist Natur. – Armer Eddie! – Nein, jetzt bist Du so weit, jetzt bringst Du das zu Ende! – Man wächst mit seinen Aufgaben!“

Ich suchte einen Kescher und einen zweiten Mann und so zogen wir gemeinsam über den Deich. In der Mission, Eddie zu retten.

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Tarnung ist alles!

Jetzt war ich wild entschlossen und sicher, das Richtige zu tun. Wir suchten den Weg am Wasser ab, schauten um die Pfützen herum, stocherten im Gras der Steinkante, liefen auf und ab. Suchten den kleinen Eddie, um ihn einzufangen. Wir fanden ihn nicht.

Am Donnerstag war er wieder da.

Am Freitag bin ich nochmals mit zweitem Mann und Kescher losgezogen. Wir fanden Eddie. Doch bevor wir überhaupt überlegen konnten, wie wir ihn nun am Geschicktesten einfangen, zeigte er uns, wie schön er fliegen kann und flog weg.

38 Gedanken zu “Free Eddie

  1. Wie gut ich das nachvollziehen kann! Mir ging es vor einigen Tagen ganz ähnlich mit einem Igelfindelkind, das mir übergeben wurde und das ich zurzeit nicht aufpäppeln kann. Bis ich da Hilfe gefunden hatte… Aber dem Igelchen geht es jetzt gut, zum Glück konnte ich ihn schließlich doch in kundige pflegende Hände geben.

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  2. Mein Tipp: schon jetzt Adressen sammeln. So mach ichs, ich habe nach ähnlichen Vorfällen eine Igelstation, Wespenumsiedler und eine Wildvogelhilfe in der Näheund eine Telefonhotline, an die man sich mit Fledermausfunden wenden kann, in meiner „Kartei“.. Hab ich selbst erst einmal gebraucht https://fjonka.wordpress.com/2017/05/31/igel/ , aber schon mehrfach Freunden weiterhelfen können. Was mir fehlt ist noch eine Wildtierauffangstation, Fußbahns sind doch recht weit wech….

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  3. Liebe Ulrike,
    ich war ganz atemlos gegen Ende, und als ich dann Deine letzte Zeile las, lachte ich laut. Hut ab vor Deinem Engagement. Ich hoffe mit Dir, daß sich Eddies Verletzung auskuriert hat und daß er gesund und munter durch den Winter kommt. Und Du auch.
    Sei herzlich gegrüßt,
    Tanja

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    1. Liebe Tanja, glaub mir, auch wir mussten Lachen, als er sich in die Luft erhob. Und natürlich habe ich mich sehr gefreut. An seinem Bein hatte er nichts Sichtbares, so hoffe ich auch, dass es mit der Zeit besser wird.
      Sei auch herzlichst gegrüßt. Ulrike

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  4. Wie schön, dass Du Dich zminest gekümmert hat – und natürlich noch schöner, dass Eddie auf und davon geflogen ist 😉 Ähnlich ging es uns ziemlich am Anfang hier, da hatten sich ein paar Dohlen in unseren Kamin gestürzt. Zum Glück konnte uns nach vielen Telefonaten die Feuerwehr in Hellschen helfen – und die Dohlen wurde alle sicher geborgen (und dann der Schacht mit einem Gitter abgedeckt)!

    Liebe Grüße,
    Isabella

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    1. Na, dann kennst Du ja das Gefühl, man möchte helfen und weiss erstmal nicht wie. Die Feuerwehr ist auch immer eine gute Anlaufstelle. Und schön, dass die Dohlen gerettet werden konnten. Liebe Grüße, Ulrike

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