Zwölf Tage und ein Weihnachtsgeschenk

2008 046

Nun haben wir schon den zweiten Advent hinter uns, das zweite Licht hat schon gebrannt und die Tage bis zum Fest fangen an zu fliegen.

Unsere lokale Zeitung hat jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit oben rechts auf der Titelseite einen kleinen Weihnachtsmann abgebildet. Er verkündet freudig, wie viele Tage es noch sind bis Weihnachten.

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Ich weiß nicht, was die Redaktion ihren Lesern damit sagen will. Will sie uns in stetig wachsende Vorfreude versetzen oder uns mit den immer weniger verbleibenden Tagen stressen? Ich jedenfalls hab‘ diesen täglichen Count-down noch nie gemocht.

Noch zwölf Tage und dann muss alles perfekt sein. Der Baum und das Menü stehen, die Geschenke verpackt sein und die Stimmung besinnlich. Und bitte keine Panik, das lässt sich alles noch locker schaffen.

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Aber es geht auch ganz anders. Wir haben gerade Gäste, ein bezauberndes Pärchen aus dem Süden der Republik, aus einer Gegend, in der schon der erste Schnee lag.

„Ach wie schön, da möchte man Weihnachten verbringen“, denkt ihr jetzt vielleicht. Aber was machen die Zwei? Sie kommen tatsächlich den ganzen Dezember zu uns hier hoch an die Nordsee.

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Sie kommen ganz ohne Baum, Menü, Geschenke und Besinnlichkeit. Dafür aber mit so viel Vergnügen an Wetter, Wellen und Weite. Jeden Tag sind sie unterwegs und genießen die leeren Strände, den kalten Wind und die jetzt noch kargere Landschaft.

Wenn sie gegen Abend „nach Hause“ kommen, mit roten Wangen und leuchtenden Augen, dann sieht man ihnen die Freude an.

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Ihre Kinder sind schon lange aus dem Haus, auch die Enkel haben bereits andere Weihnachtspläne und die beiden Rentner entschieden sich für ihr eigenes, ganz persönliches Festtagsgeschenk.

Sie lieben die Nordsee und erfüllen sich einen schon so lange geträumten Traum: einmal den Winter hier oben verleben.

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Sie erwarten kein Winterwunderland, sie kamen mit ganz realistischen Vorstellungen von der Nordsee zu dieser Jahreszeit. Sie wissen, unser Winter ist nicht schnee-romantisch. Sie wissen, er ist rau, er ist kalt und er kann unbarmherzig sein.

Und Sie wissen, Sturm und Regen gehören dazu.

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Sie sind glücklich und dankbar, dass Sie nach einem arbeitsreichen Leben ein annehmbares Auskommen haben und dass sie noch immer so gut laufen können. Sie bummeln nicht über die Weihnachtsmärkte oder durch die weihnachtlich glitzernden Einkaufspassagen.

Ihr tägliches Ziel ist der Weg durch die Natur. Stundenlang erlaufen sie sich die spröde Schönheit unserer einsamen, grauen Landschaft.

Sie werden auch den Gänsebraten nicht vermissen, sie freuen sich auf Marsch-Kartoffeln und Matjes.

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Sie geben zu, dass es Ihnen in den ersten Tagen noch recht ungewohnt war, nach dem Frühstück keine wartenden Verpflichtungen zu haben. Aber sie sagen auch, dass es Ihnen mit jedem Tag ein wenig leichter fällt, nichts zu müssen sondern einfach nur zu sein.

Es sind noch zwölf Tage bis Weihnachten, und wenn Ihnen das nicht reicht, um ganz anzukommen, dann macht das auch nichts. Sie bleiben ja noch den ganzen Januar.

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Auch Euch wünsche ich eine entspannte Adventszeit, schöne Festtage und macht Euch keinen Stress. Nicht jedes Weihnachtsgeschenk braucht Glanzpapier und Schleifenband.

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#Novemberglück – Sundown zur Kaffeezeit

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Jetzt im November verabschieden sich die Tage früh. Zur Kaffeezeit beginnt es zu dämmern und man kann schon gerne eine Kerze auf dem Kaffeetisch anzünden. So für die innere Gemütlichkeit.

Aber man kann sich auch noch mal schnell in die warmen Klamotten schmeißen und draußen den Sonnenuntergang aufsuchen.

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In diesem November gab es bereits eine ganze Anzahl von Tagen, an denen sich die Sonne sehr spektakulär für die Nacht verabschiedet hat. Eines dieser Schauspiele habe ich eingefangen.

Es immer wieder die gleiche Stelle, am Eidersperrwerk, und doch sieht es immer wieder anders aus.

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Mal fällt der blutrote Sonnenball einfach ins Meer, mal verschwindet er hinter Horizontwolken. Mal spiegelt sich das gleißende Licht in einem langen Schweif auf dem Wasser, mal zeichnet sich eine Explosion von Gelb und Rot in den Himmel und auf das Meer.

Mal sind es auch die sanften Farben, die den Ton angeben. Und immer ist es wunderschön.

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Mich lässt jeder Sonnenuntergang ehrfurchtsvoll staunen.

Auch wenn die Sonne unbestritten jeden Tag untergeht, so kann ich doch sagen, dass ich in keinem anderen Monat ein prächtiges Abendrot so bewusst erlebe und genieße wie gerade im November.

Als würde uns der November mit ein paar ergreifenden Abendstunden für die grauen Tage entschädigen wollen. Bei mir funktioniert es. „Sundown zur Kaffeezeit“ ist für mich #Novemberglück.

Die Blogparade #Novemberglück kommt aus der Feder von Lutz Pauser,  alle bisherigen Beiträge findet Ihr hier (Klick).

#Novemberglück – endlich wieder deftig

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Draußen ist es kalt, nass, dunkel, vielleicht sogar neblig – so kommt der November daher, und genau das mögen wir an diesem Monat nicht. Aber der November ist die beste Zeit, um sich mal wieder ordentlich von innen zu wärmen.

Ganz nach dem Motto „Erbsensuppe schmeckt nur im Winter“ bekomme ich im November Appetit auf heiße, deftige Kohlgerichte.

Meinen Kohlpudding habe ich ja schon vorgestellt und auch schon wieder zubereitet. Nun liegt noch ein halber Kohlkopf vor der Tür und wartet auf seine weitere Bestimmung. Er soll Zutat für einen Kohltopf werden.

Dieser herbstliche Kohltopf hat eigentlich kein festes Rezept, ein paar Grundzutaten müssen, das Herbstgemüse kann je nach Vorrat und Vorliebe und auch in der jeweiligen  Menge beliebig variiert werden.

Meinen herbstlichen Kohltopf mache ich so:

(erst die Pflicht)
1 kg   Schweinenacken, ohne Knochen
3  Zwiebeln, in groben Würfeln
1 Chili, entkernt, in Streifen
1 dicke Stange Porree, in Ringen
3 oder 4 Möhren, in Scheiben
½  Dithmarscher Weißkohl,  in Streifen (es geht auch Wirsing)
1 Liter Brühe
Salz, Pfeffer, Kreuzkümmel

Das Nackenfleisch in grobe Würfel schneiden und in einem großen Topf (mit Deckel) von allen Seiten gut anbraten. Kräftig würzen und das vorbereitete Gemüse nach und nach dazugeben und auch anbraten. Brühe zugeben, aufkochen lassen und kräftig abschmecken.

Mit Deckel in den vorgeheizten Ofen (200°C, bei Umluft: 175 °C).

Nach 60 Minuten die restlichen Gemüse (die Kür):

500 g Rosenkohl, geputzt
1 Kohlrabi, in Stiften (es gehen auch grüne Bohnen)
1 großer Boskoop Apfel, in Würfeln
(wer mag, schippelt noch Kartoffelwürfel)
Thymian

zugeben, durchmischen und weitere 30-40 Minuten mit Deckel zurück in den Ofen.

Jetzt bleibt genug Zeit, um das Schnibbel-Chaos in der Küche zu beseitigen und ganz in Ruhe den Tisch zu decken. Ein paar Kerzen anzuzünden, noch etwas Holz auf den Kaminofen zu legen und die verbleibende Wartezeit mit einem schönen Glas Rotwein zu genießen.

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November
Heinrich  Seidel  (1842 – 1906)

Solchen Monat muss man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
Keiner so verdriesslich sein
Und so ohne Sonnenschein!

Keiner so in Wolken maulen,
Keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist ’ne wahre Pracht.

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
Wie sie tanzen in dem Wind
Und so ganz verloren sind!

Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
Und sie durcheinanderwirbelt
Und sie hetzt ohn‘ Unterlass:
Ja, das ist Novemberspass!

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Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelsthau
Ur und ewig, trüb und grau!

Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt’s an jedem Zweig,
Einer dicken Thräne gleich.

O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch‘ unvernünft’ges Toben
Schon im Voraus hat bedacht
Und die Häuser hohl gemacht!

So, dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergnügtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem Greuel schauen zu!

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Wenn dann der heiße, duftenden Herbsttopf auf dem Tisch steht, Regen an die Fensterscheiben prasselt und der Wind ums Eck pfeift, dann ist das #Novemberglück für mich.

Die Blogparade #Novemberglück kommt aus der Feder von Lutz Pauser,  alle bisherigen Beiträge findet Ihr hier (Klick).

#Novemberglück – immer noch bunt

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Die Einladung zur Blogparade #Novemberglück kommt aus der Feder von Lutz Pauser, der auf seinem Blog Zwetschgenmann dazu aufruft, die schönen Seiten des November zu teilen:

„Ziel ist es, gegen die kolossale Trübseligkeit des Novembers anzuschreiben. Schlechte Stimmung gibt es ohnehin genug. Tun wir was, bringen wir die schönen Seiten des Lebens zur Sprache. Auch im November. Gerade im November.“

Der elfte Monat im Jahr scheint ja bei Vielen noch unbeliebter zu sein als der zweite. Nicht Fisch, nicht Fleisch – kein Herbst mehr und noch nicht Winter, so wie der Februar kein Winter mehr und noch nicht Frühling ist. Der November, ein überflüssiger Monat?

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Ich gebe ja zu, dass der November uns endgültig der schönen Jahreszeit beraubt, dass er Licht und Wärme nimmt und uns in die dunkle, kalte Zeit schickt.

Aber er tut es langsam (in diesem Jahr sogar in slow-motion), nimmt uns behutsam mit in die frostigen, kurzen Tage. Und diesem Weg kann man durchaus etwas Schönes abgewinnen.

Im November lassen die letzten Bäume das Laub fallen, glücklicherweise nicht gleichzeitig. Einige Bäume in meinem Garten sind schon ganz kahl, andere erstrahlen gerade in den herrlichsten Herbstfarben.

Mein Schneeball leuchte mich immer noch jeden Morgen purpurrot an, die wilde Rose daneben tupft ihr Rot der Hagebutten ins Bild.

Um Euch zeigen zu können, was ich meine, bin ich heute Morgen durchs morgentau-nasse Gras gestapft und habe die Stimmung eingefangen.

Die Luft war mild, roch feucht-erdig, kein Windhauch. Einzelne fallende Blätter segelten lautlos in schwingenden Bahnen gen Boden, die Sonne rang sich durch den Morgendunst und ließ die letzten Herbstfarben noch einmal erstrahlen.

Das ist #Novemberglück.

Dann hörte ich sie, erst ganz leise, dann immer näherkommend, lauter werdend, meine Novembermusik. Der Ruf der Gänse auf Ihrem Weg in den Süden. Ein wohlig, sehnsüchtiger Schauer durchströmt mich jedes Mal, wenn ich Ihnen hinterher schauen kann.

Ihre Formationen, die hier oben an der Westküste täglich über uns hinwegziehen, gehören für mich in den November wie Nebel und Frost.

So wie die Gänse ziehen, so verschwinden auch die bunten Farben ganz langsam aus der Natur, die letzten Farbtupfer werden immer weniger.

Bis alles grau ist, und vielleicht, an einem anderen Novembertag, der erste Frost kommt und die kahlen Zweige mit wunderschönem Raureif überziehen wird.

Auch das wäre #Novemberglück.

Und wer ein Schelm, der mag jetzt denken „Pah, dieser November ist ja gar kein November!“ Oh ja, es fühlt sich tatsächlich immer noch wie goldener Oktober an.

Ist das nicht auch #Novemberglück?

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Genau so kann ich den November genießen! Und ihr? Was macht Euch in diesem November glücklich?

Alle Beiträge #Novemberglück findet Ihr hier (Klick)

 

 

Schiff Ahoi – Pötte gucken in Brunsbüttel

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Brunsbüttel ist für mich ein wenig wie Bielefeld. Klar, die Kanalschleusen von Brunsbüttel sind ein Begriff, die dicken Pötte, die dort in die Elbe oder Richtung Ostsee geschleust werden, auch.

Sogar die Postleitzahl von Brunsbüttel ist mir geläufig (seit der Kabarettist Christoph Weiherer dazu aufrief, an der Supermarkt- Kasse immer mit 25541 zu antworten).

Aber die Stadt Brunsbüttel selbst? Gibt es die auch?

Ja, doch, und man könnte fast sagen, Brunsbüttel gibt es sogar zweimal, denn der Nord-Ostsee Kanal schneidet die Stadt in zwei Teile, in Brunsbüttel Nord und Süd.

Und wer nun nach Brunsbüttel Süd möchte und aus dem Norden kommt, der muss erst einmal über den Kanal. Bei Ostermoor gibt es eine Fähre, die, je nach Bedarf auch im Minuten-Takt, Fahrzeuge und Personen kostenlos auf die gegenüberliegende Seite schippert.

Man kann natürlich auch die Kanal-Brücke nehmen, aber die kurze Fährfahrt ist die deutlich charmantere Variante für einen Sonntagsausflug.

Zum Pötte gucken lässt man die eigentliche Stadt tatsächlich auf der anderen Kanalseite liegen und parkt am besten gleich an den Kanal-Schleusen in Süd. Von dort sind es nur ein paar Schritte zur Schleuseneinfahrt und man taucht fast unmittelbar ein in die maritime Szenerie.

Die Lotsenboote, zwei sind sogar benannt nach den Kreisen Dithmarschen und Steinburg, kreuzen geschäftig hin und her. Insgesamt vier Leuchttürme weisen den Schiffen ihren Weg.

Besonders reizvoll ist der kleine schwarz-weiße Turm am Ende der südlichen Mole. Er zeigte, genau wie sein rotes Pendant auf der nördlichen Mole, schon bei der Einweihung des Kanals 1895 sein Licht für die durchfahrenden Schiffe.

Man kann ihn zu Fuß umrunden und hat vom Molenkopf aus einem herrlichen Blick in die Elbmündung. Den dicken Pötten, deren Konturen zahlreich am Horizont auszumachen sind, ist es auf den ersten Blick nicht anzusehen, ob sie kommen oder fahren.

Ein dritter Backstein-Leuchtturm wurde 1992 durch den griechischen Holzfrachter Pallas trotz Lotsen- und Schlepperhilfe so stark gerammt, daß er abgerissen werden musste. Nach der Reparatur der Mole wurde ein Stahlturm aufgestellt.

(Es war übrigens genau die Pallas, die jetzt im Herbst vor 20 Jahren in Brand geriet, vor Amrum strandete und eine schreckliche Ölpest im Wattenmeer verursachte).

Ein wahrlich glückloses Schiff.

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Wir waren an diesem Sonntag nicht glücklos, auch wenn es sich jenseits der Elbe schon fast bedrohlich zuzog. Auf unserer Elb-Seite schien immer noch die Sonne, war der Himmel immer noch blau.

Nur der Ostwind kam so eisig daher, dass es einem die Tränen in die Augen trieb.

Ach, wie gerne hätte ich mich auf eine der Deich-Bänke gesetzt, noch ein wenig Schiffchen geschaut und von der weiten Welt geträumt.

Aber mit tränenden Augen träumt es sich schlecht.

Wenn man jedoch Schaf ist, in Brunsbüttel, dann kann man den ganzen Tag Pötte gucken und von der weiten Welt träumen.

Alle Nicht-Schafe können sich auf dem Rückweg in Gudendorf im Dithmarscher Gänsemarkt bei einer frischen Waffel mit heißen Pflaumen und einem Diplomatenkaffee (Eierlikör macht den Diplomaten) aufwärmen.

Früh genug dunkel wird es ja jetzt für das vorweihnachtliche Ambiente in der Gänse-Scheune.

 

Ein Tag geht – Abendstimmung am Eidersperrwerk

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Die Tage werden merklich kürzer, die Sonne verabschiedet sich täglich etwas früher.

Ich mag diese Zeit im Jahr, in der man nach getaner Arbeit noch die letzten Sonnenstrahlen und dann die aufkommende Abendstimmung am Wasser genießen kann.

Auch wenn die Sonne kaum noch wärmt, Ihr helles Licht hebt noch einmal die Stimmung, lässt noch einmal kurz ein Sommergefühl aufflackern.

Ganz langsam schickt sie den Tag auf die Reise, übermalt Vitalität mit Gemütlichkeit, Lebensfreude mit wohliger Melancholie.

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Je weiter die Sonne sinkt, umso weicher werden die Konturen und umso wärmer erscheint das Licht.

Der eben noch stahlblaue Himmel färbt sich langsam hellblau bis grau, in den Wolken schimmern die letzten Sonnenstrahlen in einem milchig-gelben Farbton. Das Wasser glitzert silbrig.

Der Tag verneigt sich vor dem Abend.

Zwei Krabbenkutter kommen vom Fang zurück. Vielleicht war es ein guter Tag für sie.

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Mit dem Blick übers Wasser lasse auch ich meinen Tag Revue passieren. Es war kein besonderer Tag, nur ein Alltag, aber auch kein schlechter.

„Dann war es wohl ein guter Tag“, beschliesse ich.

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Das ablaufende Wasser kräuselt sich lautlos und gelbschimmernd auf seinem Weg in den Priel, fließt dem Horizont entgegen.

Ein paar Enten lassen sich im Priel treiben, suchen sich Schlafplätze auf dem trocken fallenden Watt.

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Ein einsamer grauer Herr steht regungslos im seichten Wasser, schaut dem Tag hinterher, scheint fast vor der Nacht zu frösteln.

Bei meinem zweiten Blick in seine Richtung hat er sich von der untergehenden Sonne abgewendet, hebt langsam ein Bein und – ich hätte es ahnen können – fliegt mit weiten, kraftvollen Flügelschlägen in den Abendhimmel.

Ich habe es nicht geahnt, bin viel zu langsam gewesen. Mein letztes Bild von Ihm zeigt den leeren, grauen Himmel.

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Dann legt sich ganz friedlich die Nacht über den Tag, es wird still. Auch ich werde innerlich still, lasse mich mitnehmen vom schwindenden Licht.

SnapShots – Hinter’m Sperrwerk

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Sie ist nicht wirklich der HotSpot der Nordseeküste, die Bucht hinter dem Eidersperrwerk. Der Eiderdamm Nord dominiert diesen Küstenabschnitt mit viel Beton und Stein. Wer aber gern mit dem Meer, den Wolken und unseren Wattvögeln allein ist, der ist hier richtig.

Selten verirren sich Spaziergänger hinters Sperrwerk, und wenn, dann nur, um mal kurz über den Deich zu schauen.

Sehr beliebt ist der hintere Bogen des Dammes bei den Austernfischer, die die Tarnung zwischen den vermörtelten Schüttsteinen geschickt nutzen und sich hier, vor allem im Herbst, ausruhen.

Dicht an dicht hocken die Wattvögel beisammen, lassen sich von den letzten warmen Sonnenstrahlen aufwärmen, stecken ihre roten Schnäbel unter die schwarzen Flügel und halten ein Nickerchen.

Richtig toll sieht es aus, wenn ein ganzer Schwarm gemeinsam aufsteigt und ihre weißen Unterseiten aus der Luft herableuchten. Aber ich würde es nicht übers Herz bringen, sie für solch ein Foto aufzuschrecken.

SnapShots – Blumenglück

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„Pflücke Dir Dein Glück selbst!“  wäre ein schöner Untertitel  für das Verkaufsschild gewesen.

In diesem Sommer hat mich ein Blumenfeld beglückt. Fast jeden Tag bin ich an ihm vorbeigekommen und jedes Mal hat mich der Anblick begeistert.

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Dabei kann ich nicht mal behaupten, dass ich ein Gladiolen-Fan bin. In meinem Garten befinden sich keine.

Aber so dicht an dicht und in dieser Farbvielfalt sehen sie prächtig aus. Von Weiß bis Schwarz-Lila, von Zart-Rosa bis Dunkelrot und all die Pink-Töne dazwischen. Die Natur hat tief in den Farbtopf gegriffen.

Gepflückt habe ich keine, nur Fotografiert. Und ein paar Zwiebeln, die schon rausgerissen waren, gemopst. Die werde ich im nächsten Frühjahr bei mir im Garten einbuddeln.

Welche Farbe sie haben werden? Ich weiß es nicht.

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Das wird eine Überraschung werden und vielleicht sogar der Beginn einer Leidenschaft.

Sommernachlese: Schwimmen in der Nordsee – in Everschopsiel

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Ohne zu übertreiben kann man den Sommer 2018 als Jahrhundert-Sommer bezeichnen. Sonne seit Mitte April, wenig Wind, kein Sturm, kein Regen.

Ich habe mich in diesem Sommer auf das Nötigste beschränkt; Not-Gießen der Blumentöpfe, den Rest des Gartens Garten sein gelassen, das Kochen eingestellt (bei solchen Temperaturen tut es auch ein Salat) und mich von Badestelle zu Schattenplatz und umgekehrt verholt.

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Sechs Bücher habe ich in diesem Sommer gelesen, ein Rekord – seit Jahren. Zwischendurch immer mal wieder zur Abkühlung unter die Gartendusche gesprungen (sie lag schon zwei Sommer lang ungenutzt im Schuppen), oder ins Schwimmbecken (in meinem Lieblingsbad in Tönning) oder in die Nordsee.

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Nordsee im Sommer geht für mich aber nur etwas abseits der Touristenströme. Neben dem Dünenstrand an der Strandkorbhalle habe ich in diesem Sommer noch so ein (fast) geheimes Plätzchen entdeckt: den kleinen Hafen Everschopsiel ganz „oben“ auf Eiderstedt.

Man folgt der Beschilderung „Osterhever“, biegt dann dort noch einmal rechts ab, fährt (trotz Anlieger-Schild) über den Deich und parkt direkt am Hafenbecken. Alles frei und kostenlos.

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Everschopsiel ist ein Tidehafen. An der einen Seite des Hafenbeckens liegen ein paar Boote, die andere Seite wird von Salzwiesen gesäumt (die in diesem Sommer leider mehr braun als grün waren).

Badezeit ist zwei Stunden vor und nach Hochwasser. Als ich ankam, war die Wiese noch recht leer.

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„Ganz geheim, der Geheimtipp“, dachte ich, doch ich war etwas zu früh. Die Treppe, die am Kopf des Hafens ins Wasser führt, endete noch im Hafenschlick.

Mit jeder Stufe, die die auflaufende Flut eroberte, füllte sich die Badestelle.

In Tetenbüll auf Eiderstedt (hierzu gehören Hafen und Badestelle) kennt man sich und man kennt sich aus. Jeder neue Badegast wird herzlich begrüßt, die Badetücher in langen Reihen oder großen Kreisen ausgelegt, Kaffee und Kuchen ausgepackt.

Die Zeit reicht genau, um die letzten Neuigkeiten auszutauschen, dann hat die Nordsee Schwimmhöhe erreicht.

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Welch ein Luxus, einfach die Stufen ins Wasser hinunter zu gehen und gleich losschwimmen zu können.

Stefanie von „In der Nähe bleiben“ unterschied in Ihrer Sommerliste sehr feinsinnig und zutreffend zwischen „in der Nordsee baden“ und „in der Ostsee schwimmen“. In Everschopsiel kann man tatsächlich in der Nordsee schwimmen.

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Das Wasser ist dunkel (aber sauber), die Sicht reicht nur ein paar Zentimeter. Das muss man mögen. Nicht jeder fühlt sich wohl, wenn er durch unsichtbare Tiefen schwimmt.

Auch ich hatte eine Begegnung der unbekannten Art, etwas streifte mich am Arm.

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Völlig überrascht juchzte ich so laut, dass sich ein Schwimmer vor mir erschrocken umdrehte und nach meinem Befinden erkundigte. „Wohl nur ein Fisch“ beruhigte er mich lachend.

Klar, „nur“ ein Fisch (der tut nichts, der will nur spielen…)  – alles Einstellungssache und bloß nicht zimperlich werden!

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Der sicher auch erschrockene Fisch blieb jedoch meine einzige Begegnung unter Wasser und es war herrlich, aus dem Hafen hinaus der offenen Nordsee entgegen zu schwimmen – das geht aber eben nur bei Flut und nur in Everschopsiel.

Kulissenwechsel – von Coronado nach Colorado

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Unter mir erstreckte sich braunes, verdorrtes Steppengras, soweit mein Blick aus dem kleinen Kabinenfenster reichte. Der United Flug aus San Diego setzte zur Landung in Denver an.

Die Fahrt zum Hotel führte mich durch dieses Braun, der graue Himmel hing tief, die Luft war irgendwie dünn (Denver liegt auf 1600 Meter über dem Meeresspiegel) und es nieselt. Krasser konnte ein Kulissenwechsel nicht ausfallen.

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Das Hotel, in dem ich für diese Woche meine Koffer auspacken sollte, lag in einem Hotel-Park, gleich neben einem Restaurant-Park, gleich zwischen zwei breiten Highways.

Die unerschöpfliche Weite der einstigen Prärie am Fuße der Rocky Mountains hatte vermutlich dazu verleitet, einfach da zu bauen, wo gerade Platz war.

Hinter meinem Hotel gab es so ein Stückchen Prärieland und da leben sie noch, die Präriehunde. Putzige kleine Wesen mit dickem Po und dünnem Schwanz, die frech aus Ihrem Bau schauen.

Der Radweg US 36 Bikeway führt dort entlang, die kleinen Männchen haben sich an die vorbeisausenden Räder gewöhnt. Sie blieben völlig unbeeindruckt.

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„Alarm!“

Jogger stören sie auch nicht, Spaziergänger (davon scheint es nicht so viele zu geben) werden schon misstrauischer beobachtet. Bleibt man jedoch stehen, wird Alarmstufe Rot ausgerufen.

Dann ertönt ein aufgeregtes Bellen, alle huschen so schnell wie möglich in ihren Bau, um unvermittelt wieder neugierig über den Rand zu schauen. Der Alarmgeber warnt immer noch ganz aufgeregt, so lange, bis ich endlich weitergehe. Die Lage entspannte sich wieder.

Präriehunde können nur in unberührtem Prärieboden bauen und leben (werden zwar somit nicht zur Plage schicker Vorgärten), aber ihr Lebensraum schrumpft stetig. Ein typisches Ur-Einwohner Schicksal.

Am Fuße der Rocky Mountains liegt auch Boulder, eine hippe Universitätsstadt mit Fußgängerzone, vielen Fußgängern, Straßenmusikern, (Marihuana-Läden) und dem Boulder Book Store (Boulders größter unabhängiger Buchladen). Dort habe ich mich mit Tanja getroffen.

Liebe Tanja, nochmal vielen Dank für die Fotos

Ich kannte Tanja nur von Ihrem Blog Tanja Schimmel – lebt und schreibt am Fusse des Pikes Peak. „Du erkennst mich an einem roten Tuch“, schrieb Sie und ich war sehr gespannt auf unser „Blind Date“.

Es wurde ein total netter Abend im Boulder Dushanbe Teahouse  (das Teehaus ist ein Geschenk Tadschikistans anlässlich einer Städtepartnerschaft zwischen Boulder und der Tadschikistanischen Hauptstadt Duschanbe), der viel zu kurz für all das war, was wir uns zu erzählen hatten.

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Und noch ein glücklicher Zufall führte mich gleich am nächsten Tag wieder Richtung Boulder, ins Boulder Reservoir, ein fast 3000 qm großer Stausee, der von der Stadt Boulder als Wasserversorgung betrieben und als Freizeitpark genutzt wird. Dort fand unser Firmen-Sommerfest satt.

Bei erbarmungslosen 40 Grad und fast wolkenfreiem Himmel bedauerte ich es sehr, meine Badesachen nicht mitgenommen zu haben. Aber immerhin hatte ich mich nicht zum Volleyball-Turnier angemeldet.

Das wenigstens war sehr weise gewesen.

Mich zog es also (wen wundert’s?) ans Ufer des Sees.

Dort planschte ich mit den Füssen im kühlen Wasser, schaute den Freizeit-Paddlern bei ihren Paddelübungen zu und wusste plötzlich, was ich in Colorado vermissen würde:

den Wind, die Wellen und das Meer.