Flensburg – Rote Straße und noch mehr Höfe

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Flensburger Bürger mögen es wissen, die Rote Straße hat nichts mit der Farbe Rot zu tun. Auch befand sich dort nicht das Amüsier-Viertel der liebeshungrigen Seefahrer.

„Rote“ ist tatsächlich ein Überlieferungsfehler und leitet sich von „Rode / Rodung“ ab. Früher gelangte man hier durch das „Rode Tor“ zu einem Wald am südliche Stadtrand.

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Heute ist die Rote Straße eine belebt und beliebte Fußgängerzone mit vielen kleinen schmucken Läden und fünf ebenso entzückenden Höfen, durch die ich heute mit euch bummeln möchte.

Vom Südermarkt kommend biegen wir als erstes in den Roten Hof ein. In früheren Zeiten dienten Stallanlagen im hinteren Teil des Hofs als Ausspannquartier für die Pferde der Bauern und Handelsreisenden, die auf dem Südermarkt ihre Waren anboten.

Heute finden wir das gleichnamige Restaurant-Cafe in den ehemaligen Stallungen, das zu jeder Tageszeit einen Besuch lohnt. „Draußen wird nur unter den Schirmen bedient“ stand auf einer Tafel geschrieben und wir ergattern den letzten freien Tisch unter einem Sonnen-(Regen-) Schirm.

Die Bestellung eines „Kaffee-Schock“ am Nachbartisch erregte meine Neugier und wenig später probierte ich meinen ersten Café Choc, ein Espresso mit Schokolade und aufgeschäumter Milch.

Noch mehr Kaffee-Spezialitäten gibt es gleich um die Ecke im nächsten Hof.

Dem Duft von frisch gemahlenen Kaffees folgend biegen wir nur ein paar Schritte weiter in den Sonnenhof. Die Kaffeerösterei Tunger hat dort Ihren Sitz, der Hof wurde als Feng Shui Anlage gestaltet.

Hätte es nicht immer noch vom Himmel gepladdert, wären die kleinen Tischchen im Hof sicher gut besucht gewesen. So drängelte man sich im Café der Rösterei und wir zogen weiter in den Blumenhof.

Im Blumenhof bilden prächtige Beete und üppige Bepflanzungen einen ganz eigenen Kontrast zu den mächtigen Fassaden der Hofeinfassung.

Der Blumenhof wirkt sehr edel, die Auslagen des Nobelle-Shops, exklusive Dekorationen, unterstreichen diesen Eindruck.

Wir schlendern weiter und biegen in den Krusehof ein. Hier empfängt uns die Wiege der Höfe der Roten Straße und wohl auch einer der schönsten.

In der Mitte der 1970er Jahre hatte sich der Künstler Günther Kruse seines Hofes angenommen, ihn von allen Bausünden der Nachkriegszeit befreit und in liebevoller Kleinarbeit restauriert.

Kruse verwendete keine neuen Baustoffe, alles kam vom Abbruch oder Schrottplatz. Ihm ist ein idyllisches Kleinod gelungen und von der Widerbelebung des Krusehofes ausgehend die Belebung der gesamten Roten Straße.

Heute kann man im Krusehof in einer bezaubernden Weinstube diese besondere Atmosphäre erleben.

Jetzt bleibt noch der fünfte Hof und hier trifft Wein auf Rum und es schließt sich der Kreis.

Der Braaschhof, der genauer gesagt aus zwei hintereinanderliegenden Höfen besteht, ist nach dem Wein- und Rumhaus Braasch benannt. Im lauschigen, von rankendem Wein umrahmten Innenhof trifft man sich abseits vom Alltagstrubel auf ein Glas Wein.

Im zweiten der beiden Höfe befindet sich das Braasch Rum Manufaktur Museum. Dort wird die Geschichte vom Zucker, von den karibischen Inseln, Kolumbus und dem Flensburger Rum erzählt.

Dem Rum, den Frachtseglern, den reichen Flensburger Kaufleuten und den Höfen…

 

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Flensburger Kaufmannshöfe – oder wie Kolumbus den Rum entdeckte

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So wie das Marzipan für Lübeck oder die Bratwurst für Nürnberg stehen, so verbindet man Flensburg landläufig mit Bier und „Punkten“. Das Flensburg aber auch eine Rum-Stadt ist, ist wohl nicht ganz so geläufig. Flensburg war das Zentrum des Rum-Handels.

In der Blütezeit des Westindienhandels brachten die Frachtsegler der dänischen Westindienflotte, die ihren Haupthafen im 18. Jahrhundert im damals dänischen Flensburg hatten, hauptsächlich braunen Rohzucker und Roh-Rum aus der Karibik mit.

Die Kontor- und Wohnhäuser der Flensburger Kaufleute entstanden im heutigen Straßenzug Norderstraße-Große Straße-Holm, in den schmalen langen Hinterhöfen lagen ihre Pack- und Lagerräume mit Zugang zur Förde. Mit dem Niedergang des Überseehandels verfielen auch die meisten Höfe.

Erst Mitte der 70er entdeckten die Flensburger diese Kleinode neu und begannen ihre Hinterhöfe zu restaurieren. Heute sind diese wunderschön gestalteten Höfe eine Attraktion der Flensburger Altstadt, laden zum Entdecken ein und erzählen ihre ganz eigenen Geschichten.

Der Burghof zum Beispiel verbindet die Toosbüystrasse No 11 mit der Marienstrasse No 22. Dieser Hof ist jedoch kein Kaufmannshof, hier wurden Mehrfamilienhäuser in eine schwer zu bebauende Baulücke geplant. Ganz im Stil einer Burg, mit verzierten Backsteinfassaden und Kopfsteinpflaster. War das der soziale Wohnungsbau jener Zeit?

Nicht weit vom Bughof entfernt, in der Marienstrasse, liegt das Rumhaus Johannsen  (nicht zu verwechseln mit dem Hansen-Rum). Die Produktion und der Verkauf von Rum und Rum-Verschnitt befinden sich in dem kleinen Hof des Familienunternehmens.

Mit der Entdeckung der Westindischen Inseln, die Kolumbus irrtümlicher Weise vor Indien ansiedelte,  fand er nicht die erhofften Schätze wie Diamanten und Edelsteine sondern Zuckerrohr. Das Zuckerrohr, das mit der Zucker- und Rumherstellung Flensburgs Kaufleute reich machte.

Von um die 30 Rum-Firmen existieren heute nur noch zwei und bei Johannsen wird die Tradition der Produktion von authentischem Flensburger Rum-Verschnitt seit 1878 aufrecht erhalten.

Die „Neptunus“ war es, die 1755 als erster Segler die Flensburger Förde Richtung Karibik verließ. Der Neptunhof liegt gegenüber dem Nordermarkt, der Neptunbrunnen zieht den Marktplatz.

Für die Rum-Herstellung wird Zuckerrohr-Melasse (Abfallprodukt der Zuckerherstellung) gegärt und anschließend destilliert. So entsteht der Roh-Rum, der mit bis zu 75% Alkoholgehalt pur fast nicht trinkbar ist.

Diesem Roh-Rum wurde in den alten Flensburger Rumhandelshäusern Wasser und Neutralalkohol zugefügt; es entstand der Flensburger Rum-Verschnitt.

Der „Borgerforeningen-Hof“ erzählt die Geschichte des Flensburger Bürgervereins, der 1835 für ein geselliges Zusammentreffen der reichen Bürger der Stadt gegründet wurde.  „Borgerforeningen“ war damals der „feine“ dänische Verein Flensburgs.

Dieser Verein erwarb das Grundstück Holm 17 und baute dort das heute noch bestehende Vereinsgebäude. Der gleichnamige Hof ist einer der belebtesten Kaufmannshöfe der Stadt.

Ehre ruhiger geht es im Käte-Lassen-Hof zu, der sich auch im Holm (No 49-51) befindet.  Dieser Hof ist im Familienbesitz und weist eine lange Handelshof-Tradition auf. Die Goldschmiede Lassen hatte hier ihren Standort und war das Elternhaus der Malerin Käte Lassen.

Die Hofgestaltung wirkt eher sachlich vornehm, ist im Detail nicht so verspielt wie andere Höfe. Dieser Stil ist wohl dem Werk der Künstlerin geschuldet. Heute befindet sich in diesem Hof unter anderem ein elegantes Hut-Geschäft.

Ob nun Skulpturen und Brunnen, bunte Blumentöpfe oder schlichte Grünpflanzen-Arrangements den Hof zieren, ob die Fassaden alten Backstein oder bunte Farben tragen, Gastronomie sich angesiedelt hat oder feine Läden Edles anbieten; die Atmosphäre ist in jedem Flensburger Kaufmannshof einzigartig und sehenswert.

Und wer jetzt Lust auf Kaufmannshöfe, Frachtsegler-Romantik und Rum bekommen hat, kann sich ja mal den Termin der nächsten Rumregatta am 12. Mai 2018 in Flensburg notieren.

Spontan nach Flensburg

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In meinem letzten Blog-Beitrag schrieb ich: „In diesem Sommer waren der Wetterbericht und Spontanität zwei unverzichtbare Eckpfeiler eines gelungenen Sommer-Ausfluges“, und fand meine Aussage auch noch originell.

Nun wurde ich von meiner eigenen Witzigkeit eingeholt. Am Freitagmorgen, mit gepackten Koffern für ein Wochenende auf Helgoland, am Fähranleger der „Funny Girl“ in Büsum. Denn dort stand ein Schild: „Heute keine Abfahrt“.

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„Natürlich können Sie Ihr Geld wieder bekommen. Oder auf Samstag umbuchen. Samstag wird es ruhig (*), Sonntag soll es aber wieder 6 bis 7 Windstärken geben. Das könnte unangenehm werden.“, erklärte der freundliche Herr im Schalterhäuschen.

Um es kurz zu machen, ich entschied mich für „Geld zurück“ und wir fuhren spontan nach Flensburg.

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Blick aus dem Hotel auf die Hafenspitze und die östliche Förde

Beginnen wir also diesen stürmischen, verregneten Freitag mit einem Spaziergang durch die Fördestadt. Gleich neben unserem Hotel befindet sich das Kopagnietor, das ehemalige Gebäude des Flensburger „Schiffergelags“. Hier tagte der Seegerichtshof und waren die städtische Waage und die Handelsbörse untergebracht.

Die Hansen-Brauerei lassen wir links liegen, noch ist es viel zu ungemütlich für ein Bier.

Etwas weiter die Förde hinauf erreichen wir den Museumshafen mit seiner kleinen Museumswerft. Hier liegen historische Frachtsegler und Kutter der Ostsee sicher am Bohlwerk des Hafens vertäut.

Historische Schiffe geben jedem Hafen ein ganz besonderes Flair und ich stehe dann immer sehnsüchtig am Kai und verfalle in Seefahrer-Romantik. Sogar bei Dauer-Nieselregen.

Die Möwen an der Fischbrötchenbude gleich neben dem Werftgelände sind so an Menschen und ihre Brötchenkrümel gewöhnt, sie posieren ganz unerschrocken in die Kamera.

In der kleinen Museumswerft werden noch heute historische Frachtensegler und Arbeitsboote des 18. und 19. Jahrhunderts gebaut. Aber auch restauriert.

Bei einem Bummel über das Werksgelände spürt man die fast vergessene Idylle des traditionellen Bootsbaus. Eine Idylle, die wahrscheinlich trügt.

Noch ein paar Schritte das Westufer der Förde entlang taucht das Volksbad auf. Der, für seine Zeit um 1900, typische Bäderbau wird heute als Kulturzentrum genutzt. Einst ging dort das einfache Volk zum wöchentlichen Bad. Ihre bescheidenen Wohnungen hatten keine sanitären Einrichtungen.

Es soll sogar Badegäste gegeben haben, die nur zweimal im Jahr das Volksbad besuchten. An diesen Tagen wurden daheim die Betten neu bezogen.

Am Volksbad lassen wir die Förde zunächst hinter uns und laufen zum Nordertor, dem einzig erhaltenen Stadttor des Landesteiles Schleswig und Wahrzeichen Flensburgs, hinauf.  Hier beginnt die Einkaufsmeile der Stadt. In der Norderstraße noch mit kleinen Läden aber auch viel Leerstand.

Die Norderstrasse mündet in den Nordermarkt, dem mittelalterlichen Zentrum Flensburgs. Ab hier heißt die Gehstraße erst Große Straße, dann Holm, mit den großen bekannten Einkaufsketten hinter historischen Fassaden, und führt über den Südermarkt bis in die Rote Straße.

In der Roten Straße haben sich wiederum entzückende kleine Boutique-Läden im dänischen Stil angesiedelt. Hier wird es richtig hygge.

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Hinterhof auf der Groschenseite mit Zugang zur Förde

Im Volksmund werden die beiden Seiten der Einkaufsstraße Flensburgs Pfennig- und Groschenseite genannt.

Auf der Groschenseite residierten die reichen Kaufleute, Ihre Häuser und Handelshöfe hatten einen direkten Zugang zur Förde. Viele davon sind noch erhalten, liebevoll bepflanzt und dekoriert und können erkundet werden.

Auf der Pfennigseite lebten die Handwerksfamilien. Ihre Häuser waren deutlich schlichter gebaut, in den Hinterhöfen gingen sie Ihrem Handwerk nach.

Am Nordermarkt angekommen hatten sich der Himmel aufgeklart, der Regen nachgelassen und wir uns ein ganz anderes Wahrzeichen Flensburgs gegönnt. Bei einem frisch gezapften „Flens” ließ sich der weitere Spontan-Kurztrip nach Flensburg ganz prima planen.

In diesem Sinne erst mal: „Plopp…“

(*) Meines Wissens fuhr die Helgolandfähre nur am Samstag. Wir würden noch immer auf Helgoland festsitzen…

 

Frühstück in Hamburg – nach einer gespenstischen Nacht

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Wie viele Wochenenden hat das Jahr? Etwas mehr als 50 und ich suchte treffsicher genau das Wochenende für einen Kurztrip aus, an dem sich die Regierenden trafen und der Mopp regierte.

Die Theaterkarten fürs Schmidt Theater hatte ich bereits im November gekauft und dabei den Gipfel noch so gar nicht auf dem Schirm.

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Erst als ich ein Hotel buchen wollte und mich die astronomischen Preise zunehmend stutzig machten, kam mir der erste Verdacht, der sich leider bestätigte. Mist!

Aber wir sind keine Hasenfüsse, lassen uns von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ (liebe Medien, was ist denn das für ein Vergleich??) nicht verschrecken, fanden doch noch eine bezahlbare Unterkunft auf Airbnb (ich hatte noch nie privat logiert – spannend!) und machten uns Samstagmittag auf den Weg nach Hamburg.

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Wir schafften es staufrei nach Winterhude, zwischenfallfrei mit der U-Bahn an die Landungsbrücken (nur am Rödingsmarkt hielt sie nicht, dort warteten die Einsatzkräfte auf ihren Einsatz) und ließen uns dann von einer seltsamen Atmosphäre durch St. Pauli treiben.

Kreisende Hubschrauber, Martinshörner, Musik auf einer Bühne, eine autofreie Reeperbahn, Blaulichter, ein buntes Volk mit Rucksäcken und kleinen Transparenten, Forderungen nach Solidarität.

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Nach der Theatervorstellung standen wir vor dem vergitterten Eingang der U-Bahn Landungsbrücken. Der Bahnverkehr war eingestellt. Kurze Ratlosigkeit.

Die freundlichen Polizisten (aus Würzburg!) an der Straßensperre meinten, dass dort ab und an ein Taxi strandet und wir hatten tatsächlich Glück.

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Die nächtliche Fahrt durch Hamburg, durch die leeren, dunklen Straßen, nur das stete Brummen der Hubschrauber über der Stadt, war gespenstisch. Wir fuhren am Rödingsmarkt vorbei, am Rathaus, den Jungfernstieg entlang, alles leer, an der Alster und dem Atlantik Hotel vorbei.

„Hier hat die Merkel gewohnt, die ist schon weg, den Trump wollte ja keiner, der war im Gästehaus, wo der Putin geschlafen hat, weiß ich nicht, …“ plauderte der Taxifahrer.

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Der Sonntagmorgen erwachte wie aus einer anderen Welt. Blauer Himmel, Sonne, friedliche Stille, das glitzernde Wasser des Osterbekkanals und keine 100 Meter von „unserer Wohnung“ entfernt lag der Bootsanleger und Bootsverleih Dornheim am Kaemmererufer. Dort erwartete uns das fröhliche Bild sonntäglicher Familien-Aktivitäten.

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Picknick-Taschen schleppen, Kinderlachen, Paddel aussuchen, Ruderboot oder Tretboot mieten, eine Bootstour auf dem Kanal geniessen – eben ein ganz normaler Sonntag in Hamburg.

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Und wir saßen in der Sonne, genossen unser mediterranes Frühstück im Restauratnt „Zur Gondel“, schauten auf’s Wasser und waren uns so was von einig: das hier ist real, die letzte Nacht war aus der anderen Welt. Hamburg ist einfach schön!

Auf der Heimfahrt hörte ich im Radio, dass sich tausende Menschen auf Facebook für „Hamburg räumt auf“ angemeldet haben. Gänsehaut. Die erste gute Nachricht an diesem Wochenende. Das ist Solidarität!

Die Stunde am Fluss

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07:00 Uhr Frühstück, 08:00 Abfahrt Büro, 08:30 Meeting, 12:30 Business-Lunch, 13:00 Meeting, 17:30 Abfahrt Hotel, 19:00 Abendessen… so, oder so ähnlich sieht wohl der Zeitplan vieler Dienstreisen aus. Da macht es kaum einen Unterschied, ob sie nach Dinslaken oder Barcelona führt.

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Wäre da nicht diese eine Stunde vor dem gemeinsamen Abendessen. In dieser Stunde kann man seine elektronische Korrespondenz erledigen oder die Gegend ums Hotel erkunden. Glücklich ist, wer dann die Natur vor der Hotel-Eingangshalle hat und sich gegen den Laptop entscheidet.

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Meine Stunde führte mich an die Erdre, ein Fluss in Frankreich, der bei Nantes in die Loire mündet. Am Ufer der Erdre befinden sich zahlreiche Herrenhäuser, Parks und Schlösser, sehr typisch für die Region Pays de la Loire, und eines dieser altehrwürdigen Gemäuer war bereits vom Hoteleingang zu sehen, das Château de la Gascherie.

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Nach Quartalszahlen, Jahresrück- und Ausblicken tut Natur gut, erdet wieder und lässt – entschuldigt den abgedroschenen Ausdruck – den Kopf frei werden. Am Ufer eines Flusses fließen auch die eigenen Gedanken, zurück an die Flüsse der Kindheit, um Kontinuität und Wandel oder einfach dem Meer entgegen.

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen.

Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.

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Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder – alles ist neu, und doch immer das Alte. Wir leben mitten in ihr und sind ihr Fremde.

Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.

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Sie spielt ein Schauspiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sies für uns, die wir in der Ecke stehen. Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter.

Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr. Für`s Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehen gehängt.

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Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Sie hat sich einen eigenen allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann.

Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen. Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel und freut sich, je mehr man ihr abgewinnt.

Aus:
Die Natur  – Johann Wolfgang von Goethe
Veröffentlicht: 1782/83 im Journal von Tiefurt

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Ja, ich habe ihr eine Freude bereitet, der Natur, in der Stunde am Fluss.

Land der verlorenen Horizonte

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In meinem Blog sollte es nicht politisch werden; ich habe auch lange überlegt, es sogar an den Flügeln abgetentert: „soll ich – soll ich nicht – soll ich…?“ und dafür entschieden. Aber nur einmal, nur weil es mir so wichtig ist…

Schon lange frage ich mich, warum die Zerstörung unserer Landschaften, Horizonte und Sternenhimmel immer noch so wenige Menschen aufschreckt. Warum immer noch so viele die Windenergie als alleinigen Retter unseres Klimas ansehen.

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Ein Gedanke von Botho Strauß (aus: „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“, zitiert in „Geopferte Landschaften“), konnte es mir zumindest erklären:

„Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung aller Dichter-Blicke der deutschen Literatur von Hölderlin bis Bobrowski.

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Eine schonungslosere Ausbeute der Natur lässt sich kaum denken, sie vernichtet nicht nur Lebens-, sondern auch tiefreichende Erinnerungsräume.

Dem geht allerdings voraus, dass für die kulturelle Landschaft allgemein kaum noch ein Empfinden lebendig ist. So verbindet sich das sinnliche Barbarentum der Energieökologen dem des Massentourismus.“

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Massentourismus – Bettenburgen, wo sich einst einsame Sandstrände fanden, ja, ganze Küstenstreifen wurden für immer durch riesigen Hotelanlagen zerstört. Und auch diese Entwicklung wurde von grossen Teilen der Bevölkerung hingenommen.

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Ist Euch schon mal aufgefallen, dass auf Eiderstedt so gut wie keine Windkraftanlage steht? Wie intensiv man dort noch Landschaft empfindet? Wie ruhig und entspannt man wird, wenn das Auge über die grüne Weite und den hohen Himmel schweift?

Auf Eiderstedt wurde schon vor Jahren ein EU-Vogelschutzgebiet eingerichtet, dass u.a. keine neuen Windkraftanlagen und das Verbot, Grün- in Ackerland umzuwandeln, vorsieht.

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Aber wir können ja nicht alle auf Eiderstedt leben.

Ach ja, bevor es Missverständnisse gibt: der AKW-Ausstieg ist alternativlos, der planlose Wildwuchs des WKA Ausbaues aber nicht. An alternativen Lösungskonzepten wird nur leider so gut wie nicht gearbeitet.

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Enoch zu Guttenberg, einer der Gründungsväter des BUND schreibt in „Geopferte Landschaften“:

Diese Energiewende spottet ihres Namens. … Wir brauchen die Wende des Systems, das hinter allem Unglück steht. Wir brauchen das Ende des grenzenlosen Wachstums. Dafür haben sich einmal die Gründungsväter des BUND zusammengefunden und nicht für das „Weiter-So“ unserer Verbrauchergesellschaft, die sich mit jedem neuen Windrad ein neues Denkmal setzt.“

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Solche Denkmäler haben wir in Dithmarschen mehr als genug. Um genau zu sein sind es mittlerweile 829.

Buchempfehlung: „Geopferte Landschaften“ von Georg Etscheit (Herausgeber) mit  Beiträgen von Wissenschaftlern, Energieexperten, Umweltschützern, auch Künstlern und u.a. Enoch zu Guttenberg.

Advent an der Ostsee – Eckernförde

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Was macht man, wenn man nicht so recht in Weihnachtsstimmung kommen will? Mir ging es so in der Adventszeit und ich dachte mir, dass vielleicht ein Besuch auf einem schönen Weihnachtsmarkt helfen könnte.

Und da ich ja nun mal ein Küstenkind bin, das Wasser liebe, Hafen und Strand, hatte ich Eckernförde für ein vorweihnachtliches Einstimmungs-Wochenende auserwählt.

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Um es gleich vorweg zu nehmen: Eckernförde hat einen (ganz winzig kleinen) Weihnachtsmarkt, der allein wohl eher keine Reise wert ist, Eckernförde ist es aber schon und in Kombination allemal.

Ostseestrand und Hafen prägen das Stadtbild, sowie niedliche Fischer-Häuschen und kleine Gassen in der Altstadt. Wunderschön zum Bummel und Schauen.

Lichterketten, Kerzenschein und bunt illuminierte Bäume zauberten romantisches Weihnachtsflair, Glühwein und gebrannte Mandeln den passenden Duft dazu. Und wer noch etwas ganz Besonderes sucht, ist in der Schokoladen- und Bonbonmanufaktur richtig.

(Ich bin froh, nicht in Eckernförde zu wohnen, ich würde dort täglich einkaufen…)

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Nur ein paar Schritte vom Schokoladenparadies entfernt liegt der Ostseestrand. Hier kann man Laufen, Durchatmen, den Blick über’s Wasser schweifen lassen, vom Sommer träumen.

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Ganz ruhig lag sie da, die Förde, am 4. Advent, und die anfänglich tief hängende Wolkendecke riss sogar auf. Das motivierte den Ein oder Anderen zu ganz advent-untypischen Aktivitäten.

So auch zwei Fischer, die vom Fischfang zurückkehrten. Eine hungrige Möwe freute es, sie forderte lautstark ihren Anteil an der Beute. Und wir? Wir setzten uns in einen Strandkorb am Ostseezentrum, blinzelten in die Sonne und genossen eine schöne Tasse Kaffee.

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Ach ja, in einer Woche sollte dann Weihnachten sein… fast hätte ich es vergessen.

Mit Graffiti gegen Graffiti

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Mit Graffiti gegen Graffiti – so oder so ähnlich lautet wohl das Motto der professionellen Graffiti-Kunst. Was einst als ungewollte Schmiererei auf trist-grauen Fassaden und Wänden ein öffentliches Ärgernis war, illegal und als Sachbeschädigung rechtlich verfolgt, hat sich in Kunst gewandelt.

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Gesprüht wird hier im Auftrag und nicht illegal, statt stumpfer Graffiti-Schriftzüge entstehen realistische Bilder, farbenfroh und kreativ gestaltet – und das nicht nur auf grauer Fassade.

So kann man bereits seit einiger Zeit und vielerorts die oft regionsbezogenen Motive auf Travo-Kästen bewundern. Was liegt da näher, als auf dem Trafo-Haus im Wesselburenerkoog unsere so typischen  Küsten- und Wattenmeerbewohner einziehen zu lassen?

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Kaum waren Sand, Meer und Himmel trocken, siedelten sie sich an: die Brandgans und der Einsiedlerkrebs, die Herzmuschel, die Silbermöwe und der Austernfischer, der, ganz wie im richtigen Leben, dem Wattwurm nachstellt.

Jungs von artmos4, das ist echt cool geworden!

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Und so ganz nebenbei ist es nun auch amtlich: Der Seeadler gehört in unsere Küstenregion wie die Garnele in die Nordsee.

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Wer daran irgendwelche Zweifel hat, sollte es sich anschauen – das Trafo-Häuschen neben der Bushaltestelle im Wesselburenerkoog!

Rosen aus Friedrichstadt

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Frei nach dem Walzer-Schlagertext “Tulpen aus Amsterdam” veranstaltet das nordfriesische Holländer-Städtchen Friedrichstadt einmal im Jahr seine Rosentage. Denn die Rosen gehören zu Friedrichstadt wie die Tulpen zu Amsterdam.

Wer im Früh-Sommer durch die Gassen der Friedrichstädter Altstadt bummelt, findet vor zahlreichen Häusern duftende Rosen. Mal üppig und ausladend, mal dezent aus dem Grün hervorlugend, von Lavendel umrahmt oder auch mal grazil bis staksig auf einem langen, dünnen Stamm balancierend.

Die Rosenpracht umrahmt alte Türen und hölzerne Sprossenfensterrahmen, harmoniert mit antiken Schaufensterauslagen, leuchtet an weißen Wänden, ziert sogar das Grau der Vernachlässigung.

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Mit dem „Friedrichstädter Rosenzauber“, so heisst das Fest offiziell,  wird aber nicht nur die allgegenwärtige Königin der Blumen geehrt, es findet auch ein großer Rosen- und Gartenmarkt unter den Bäumen des Marktplatzes statt.

Hier können Rosenliebhaber mit renommierten Züchtern fachsimpeln, sich an historischen Rosen, Strauch- und Beetrosen, Kletterrosen oder Rampler erfreuen und natürlich auch das ein oder andere Schätzchen mit nach Hause nehmen.

Und nicht nur der florale Vergleich erinnert an die holländische Metropole an der Amstel. Niederländische Treppengiebelhäuser und Grachten prägen das Stadtbild der idyllischen Kleinstadt hier bei uns im Norden. So kam  Friedrichstadt zu seinem liebevollen Beinamen „Klein Amsterdam“.

Die schmucken Giebelhäuser wurden von eingewanderten Holländen gebaut, die Grachten sind der geographischen Lage des Ortes und den Holländen geschuldet.

Friedrichstadt liegt in der Eider-Treene-Niederung, an der Mündung der Treene in die Eider. Um dort siedeln zu können, musste das Wasser gebändigt werden. Das erledigten die holländischen Gründungsväter so, wie Holländer es eben tun. Sie bauten Grachten.

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Es entstand ein kleines Juwel mit nunmehr 375jähiger Vergangenheit, das nicht nur zu den Rosentagen einen Besuch wert ist. Historische Hausfassaden und verträumte Winkel, gemütliche Cafés und Restaurants, kleine, liebevoll geführte Läden eingerahmt von Rosen und Grachten – eine bezaubernde Puppenhauskulisse. Amsterdam „en miniature“.

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Wer Lust und etwas Mut hat, kann sich auf den Grachten im Stand-Up Paddling probieren (bei Stefanie gibt es einen SUP Einführungskurs), weniger Mutige erkunden die Treene-Kanäle im Tretboot oder bei einer Grachtenfahrt.

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Ganz wie in Amsterdam.

Die Friedrichstädter Rosentage finden immer am ersten Wochenende im Juli statt.

Dorfidyll auf Eiderstedt – Tetenbüll

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Wo liegt eigentlich Tetenbüll? Gehört habe ich den Ortsnamen schon öfter, mit Eiderstedt in Verbindung gebracht auch, aber vorbeigekommen oder durchgefahren war ich dort noch nie. Tetenbüll liegt mitten auf Eiderstedt und wer nach Tetenbüll möchte, der muss nach Tetenbüll abbiegen, man kommt durch Tetenbüll nicht automatisch hindurch.

Wer über die 202 nach St.Peter fährt, lässt Tetenbüll rechts liegen, auch Tönning, Garding, Tating, Westerhever – alles Eiderstedter Orte – erreicht man, ohne durch Tetenbüll zu kommen.

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Tetenbüll liegt ein wenig versteckt und wer tatsächlich einmal in Katharinenheerd rechts abbiegt, um sich etwas Zeit für das kleine Dorf zu nehmen, der wird angenehm überrascht. In dem idyllischen Dorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

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Ein „Stillstand“ im Sinne von Abkehr vom zerstörenden Fortschritt, ein gewollter, wohltuender Stillstand, mit dem man sich das gute Althergebrachte erhalten hat. So wie das Kopfsteinpflaster auf der Dörpsstraat und den Kirchspielkrug am Fuße der Kirche.

Neben dem Krug und den schönen, alten Gebäuden in Backstein oder weiß getüncht, in teils prächtigen Gärten, gesellen sich die Freiwilligen Feuerwehr, ein Seniorenstift, ein Kinderspielplatz und sogar eine Schule um den alten Ortskern.

Und ohne auch nur einen Tetenbüller gesehen oder gesprochen zu haben, bekommt man schon bei einem Rundgang durch den Ort das Gefühl, dass Dorfgemeinschaft hier noch funktioniert.

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Diese Gefühl wird auf den Internet-Seiten Tetenbülls bestätigt. Selten habe ich einen so aktiv gestalteten, allumfassenden und persönlich ansprechenden Internetauftritt einer Gemeinde gelesen – vom 365 Tage-Fotoprojekt mit Bildern aus der Gemeinde, über „unsere schöne Kirche St. Anna“, bis hin zur herzlichen Einladung zukünftiger Neubürger in das gemeinschaftliche Dorfleben.

Nur einen Einkaufsladen gibt es in Tetenbüll nicht mehr, jedenfalls keinen, in dem man im klassischen Sinn einkaufen kann. Einen Kolonialwarenladen gibt es, besser gesagt ein Kolonialwarenladen-Museum, das Haus Peters.

Es ist ein Museum mit historischen Laden, in dem auch verschiedene regionale Produkte angeboten werden, mit Galerie und wechselnden Ausstellungen und einem, im Sommer sicher wunderschönen Bauerngarten.

Noch bis zum 05. Mai kann man hier die Ausstellung „Bilder aus dem prallen Leben“ von Erhard Göttlicher, einem österreichisch-deutschen Maler und Kunstprofessor, erleben.

Zum 70. Geburtstag des Künstlers zeigt das Haus Peters eine Auswahl seiner Werke aus jüngster Vergangenheit, die auf witzige, überraschende aber auch schon mal fast schockierende Weise das, in der Tat, pralle Leben darstellen.

Und nach dem Stöbern und Staunen im Kolonialwarenladen Peters lässt es sich im Café im Theatrium in einem der aufgestellten Strandkörbe bei duftendem Kaffee und selbstgebackenen Kuchen ganz wunderbar resümieren.

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Über Dorfleben, über Kunst und über einen wundervollen Ausblick.

Wie, Ihr seht nichts Besonderes? Ja, das ist es doch, was diesen Ausblick so wundervoll macht.

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Man sieht nichts, nicht eine Windkraftanlage, soweit man auch schaut… wohltuender Stillstand eben!

Vom 17.06. – 17.07.2016 stellt Julia Pasinski von Meermalen im Haus Peters aus.